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Gefangen zwischen den Zähnen
Zahnarzt zeigt Patient ein Röntgenbild mit Zähnen
Mit höherem Alter können zwischen den Zähnen Lücken entstehen, in denen Essensreste fest hängenbleiben.

„Food traps“ nennen Amerikaner Lücken zwischen den Zähnen, in denen regelmäßig Essensreste festsitzen. Dort beginnt oft ein verheerender Prozess, der Zahn und Zahnfleisch zerstört – doch niemand ist dem hilflos ausgeliefert.

Fasern, Sehnen, Gewebefetzen - Was eben noch ein saftiges Rumpsteak war, landet häufig nicht zu 100 Prozent im Magen des Fleischliebhabers. Kleine Stücke des Rindfleisches bleiben nach dem Zerkauen zwischen einigen Zähnen hängen, scheinen sich partout nicht auf den Weg Richtung Speiseröhre machen zu wollen. Was anfangs kaum bemerkt wird, entwickelt sich kontinuierlich zu einer nervtötenden Störquelle.

Wer sich der Essensreste nicht zeitnah entledigen kann, riskiert eine Eskalation des Übels. Denn auch für Keime sind die festsitzenden Speisen eine willkommene Nahrungsquelle, sie können sich explosionsartig vermehren. In der Folge bilden die Mikroben Plaque im Zahnzwischenraum, ihre Stoffwechselprodukte schädigen Zahnschmelz und Zahnfleisch. Das Zahnfleisch entzündet sich, meist blutet es auch.

Während dies bei den ersten Ereignissen meist noch schmerzhaft ist, zieht sich das Gewebe bei wiederholten Reizungen Stück für Stück zurück. Die Taschen um den Zahnhals werden immer größer und bieten Patz für noch mehr Speisereste – und immer mehr schädliche Bakterien setzen Zahn und Zahnhalteapparat zu. Dies kann wiederum schmerzarm sein und Patienten fühlen sich daher häufig weiterhin nicht genötigt, einen Zahnarzt aufzusuchen.

Gefahr einer Parodontitis

Ein tragischer Fehler, denn wenn nach mehreren Jahren aus „harmlosen“ Zahnfleischentzündungen eine waschechte Parodontitis entstanden ist, wird die Behandlung aufwendig und das Risiko eines Zahnverlusts wächst enorm. Verkeilte Speisereste sind also der Beginn eines Teufelskreises, bei dem es über einen längeren Zeitraum zu immer tiefergehenden Zerstörungen kommt.

Der Beginn dieses Zyklus ist in der Regel mit Schmerzen verbunden. Denn egal ob Karottenstückchen, Kokosnussfasern oder Lammfiletfragmente zwischen den Molaren klemmen - der stetige Druck auf die Zähne ist unangenehm. Für die Betroffenen setzt dann recht schnell das Bedürfnis ein, sich mit Fingern oder Hilfsmitteln Erleichterung zu verschaffen. Diese Plage ist älter als der moderne Mensch (Homo sapiens), denn bereits bei archäologischen Kieferknochenfunden von Homo habilis zeigen sich Kratzspuren an den Zahnkronen. Offensichtlich hatte sich unser Vorfahr auch schon mit einem Werkzeug Überreste aus dem Interdentalraum holen wollen.

Ähnliche Funde bei Neandertalern belegen, dass vor 130.000 Jahren nach dem Essen mit Knochen oder harten Gräsern eine spezielle Zahnreinigung stattfand – trotz zuckerarmer Diät mit zahnfreundlichen Zutaten. Der Zahnstocher ist somit ein „lebendes Fossil“ unter den Zahnpflegeprodukten.

Zahnstocher nur in Ausnahmefällen

Doch in seiner fast ursprünglichen Form aus Birkenholz, wie er oft in rustikalen Restaurants als Gratisaccessoire auf den Tischen steht, empfehlen ihn Zahnärzte eher nicht mehr. Mit ihren vielen Holzsplittern richten sie häufig mehr Schaden als Gutes an. Sie übertragen Keime, bringen diese durch kleinste Verletzungen sogar in die Blutbahn oder manövrieren Plaque und Speisepartikel noch tiefer in Zahnfleischtaschen.

Der Dentalmarkt bietet stattdessen eine Vielzahl an Interdentalreinigern an, die für jeden Geschmack als sicherere und hygienische Alternative infrage kommen. Kleine Gummizahnstocher mit Widerhäkchen, aber auch konisch zulaufende oder zylindrische Bürstchen in unterschiedlichen Dicken finden sich in jedem Drogeriemarkt.

Sollten selbst die Bürstchen beim Herausnavigieren der Speisebröckchen versagen, können auch diverse Spülstrategien probiert werden. Am einfachsten ist eine 5-ml-Spritze mit einer stumpfen Plastikkanüle, wie sie jede Apotheke vorrätig hat. Etwas professioneller reinigen handelsübliche Mundduschen oder Geräte zum „Air flossing“, die mit einem kräftigen Sprühstoß Partikel aus schwer zugänglichen Bereichen herauskatapultieren sollen.

Junge Menschen wenig betroffen

Zur Symptombekämpfung bietet der Markt also ein ganzes Füllhorn an Ideen, wie hartnäckige Speisereste entfernt werden können. Doch warum hat die Natur den Menschen überhaupt mit einem derart lästigen Konstruktionsfehler ausgestattet? Die Antwort ist einfach: Hat sie gar nicht.

Es gibt viele, meist junge Menschen, für die ein Zahnstocher ein völlig überflüssiges Hilfsmittel ist. Im Optimalfall haben Zähne einen engen Kontakt zu ihren Nachbarn; die durch den leicht konischen Verlauf Richtung Wurzel entstehende Lücke ist durch festes Zahnfleisch gefüllt. Die meisten Lücken entstehen erst, wenn sich durch schlechte Dentalhygiene chronisch entzündetes Zahnfleisch zurückzieht oder durch Zahnfehlstellungen von vornherein ein untypischer Spalt entsteht.

Sehr häufig trifft Letzteres auf die Weisheitszähne zu, die bei vielen Patienten im schiefen Winkel im Kieferknochen sitzen. Somit gibt es eine eindeutige Empfehlung: Wer nach dem Schnitzelessen regelmäßig 20 Minuten mit hängengebliebenen Fleischfasern kämpfen muss, könnte beim nächsten Zahnarztbesuch einen lohnenswerten Check-up mit Korrekturoptionen bekommen.

Zahnärzte kaum einbezogen

Dass diese Gelegenheit viel zu selten wahrgenommen wird, hat jüngst eine Untersuchung von chinesischen Wissenschaftlern offenbart. Demnach gaben fast 87 Prozent der Befragten an, bisweilen festsitzende Essensreste nach einer Mahlzeit entfernen zu müssen. Und unter den Studienteilnehmern, die eine spürbare Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität durch diesen Umstand beklagten, suchten weniger als 18 Prozent Hilfe bei einem Zahnarzt.

Selbstredend sind diese Zahlen nicht ohne Weiteres auf Patienten in Deutschland übertragbar. Doch allein die Tatsache, dass es im deutschsprachigen Raum keinen feststehenden Begriff für die in der Fachwelt als „Food impaction“ bezeichnete Problematik gibt, zeugt mit Sicherheit auch von fehlendem Bewusstsein für die behandelbaren Missstände.

Wichtig wäre, dass sowohl Zahnärzte als auch Patienten dieses Thema beim Kontrolltermin ansprechen. Nicht immer ist für den Behandler jedoch auf den ersten Blick erkenntlich, welche Veränderungen des Gebisses zur Kummerzone geworden sind. Denn nicht jede schlecht sitzende Füllung, abgesplitterte Zahnpartie oder erweiterte Zahnlücke wird automatisch zur Falle für Speisepartikel.

Simpler Test mit Zahnseide

Wenn aber Beschwerden vom Patienten beschrieben werden, kann ein einfacher Test mit Zahnseide erste Hinweise auf die Ursache liefern. Geht die Zahnseide extrem leicht durch zwei benachbarte Zähne hindurch, spricht man von einem offenen Kontakt – der Klassiker bei älteren Patienten, der Essensbestandteile zurückhält. Mit den Jahrzehnten kommt es zur Abnutzung der Zahnoberfläche in diesen Bereichen.

Zerreißt die Zahnseide beim Fädeln, ist dies ein Indiz für für einen abgesplitterten Zahn oder eine gebrochene Füllung. Auch hier können Speisereste hängenbleiben und zur Störquelle werden.

In einem dritten Szenario gibt es zwar anfänglich einen natürlichen Widerstand beim Einbringen des Fadens zwischen die Zähne, doch im weiteren Verlauf zeigt er sich locker und hat viel Spielraum. Dieser Raum kann durch die individuelle Anatomie des Zahnes gegeben sein und ebenfalls zur Essensfalle werden.

So unterschiedlich wie sich die Ursachen für „Food impaction“ hier darstellen, so unterschiedlich sind auch die Optionen des Zahnarztes dagegen vorzugehen. Mit kieferorthopädischen Maßnahmen, wie beispielsweise Schienen, können offene Kontakte wieder geschlossen werden. Defekte Füllungen oder künstliche Kronen können ersetzt werden, abgesplitterter Zahnschmelz oder anatomische Anomalien können mit Aufbaumaterialien bearbeitet werden. Nicht immer ist eine solche Behandlung sinnvoll oder führt zum gewünschten Erfolg. Aber mit dem geübten Blick eines Profis auf die dentalen Problemzonen lässt sich die Situation meist schnell einschätzen. Jahrelanger Ärger mit potentiell schwerwiegenden Konsequenzen kann dann häufig mit ein paar Handgriffen eliminiert werden.

Schnelle Abhilfe

Der ultimative Tipp des Autors für die schnelle Lösung unterwegs: Ein Zahnpflegekaugummi besorgen und wiederholt kräftig mit der betroffenen Region zubeißen. Meistens verschwinden dann Essenreste innerhalb weniger Minuten. Am besten ein Xylit-haltiges Kaugummi verwenden, das hemmt zudem Karies verursachende Bakterien.

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